Kartoffelkäfer als Kampfmittel

Als ich 1984 damit begann, für SIPRI eine aktuelle Analyse der Situation auf dem Gebiet der Biowaffen herauszugeben, dachte noch keiner von uns Autoren daran, dass auch Kartoffelkäfer als potentielle Kampfmittel eingesetzt werden könnten.

 Dass das reichlich drei Jahrzehnte zuvor bereits von der DDR-Regierung behauptet worden war, hatte ich inzwischen total wieder verdrängt. Dass die US-Imperialisten „Amikäfer“ gegen uns eingesetzt hätten, um das friedliche sozialistische Aufbauwerk zu schädigen, glaubten damals ohnehin wohl die wenigsten. Jedenfalls finden Kartoffelkäfer oder auch andere Schadinsekten keine Erwähnung auf den 207 Seiten von Biological and Toxin Weapons Today. Tatsächlich ist ja auch in der 1972 vereinbarten und 1975 ratifizierten Biowaffenkonvention nur die Rede von bacteriological methods of warfare, bacteriological (biological) agents und von microbial or other biological agents“. 

Den Unterhändlern des Abkommens war offenbar unbekannt, dass es nicht nur in den beiden Weltkrieges Überlegungen und auch Versuche über den Einsatz der Kartoffelschädliche als Kampfmittel gab. Sie sind in der Tabelle weiter unten erwähnt.

Diese Ignoranz wurde zunächst auch von den Teilnehmern der Konferenz geteilt, die 1986 zur Überprüfung der Biowaffenkonvention in Genf stattfand. Die Teilnehmer sahen keine Veranlassung, die Definition der „bakteriologischen (biologischen) Waffen zu präzisieren. Als „vertrauensbildende Maßnahmen“ zur Stärkung der Konvention vereinbarten sie in diesem Zusammenhang lediglich einen Informationsaustausch über ungewöhnliche Ausbrüche von Infektionskrankheiten und ähnlichen Intoxinationen.

Die Modalitäten für diesen Informationsaustausch wurden 1987 auf einer Expertenkonferenz beschlossen. Die DDr-Regierung hatte mich damit beauftragt, mit einer Gruppe von Fachleuten DDR-Vorschläge für diese Konferenz auszuarbeiten.  Pflanzen- und Tierschutzexperten hatte ich nicht in meine Runde berufen lassen.

Erst in einer schlaflosen Nacht fiel mir dieser eklatante Mangel ein. Anderntags wurde er sofort behoben.  Zwei wesentliche Vorschläge enthielt der uns erarbeitete Entwurf: Austausch über ungewöhnliche Ausbrüche von Pflanzen- und Tierkrankheiten, sowie Austausch über militärische Impfstoffprogramme (die meines Erachtens noch heute die wichtigste Schwachstelle der Konvention darstellen, dazu mehr an anderer Stelle).

 Unser Entwurf musste von Partei- und Staatsführung gebilligt werden. Mit Austausch über Pflanzen- und Tierkrankheiten war man einverstanden, gegen den Austausch von Impfstoffinformationen erhob das Ministerium für Nationale Verteidigung Einspruch. Aber die Mehrzahl der Teilnehmer am Expertenmeeting, vor allem die USA, waren auch gegen den Austausch über Pflanzen- und Tierkrankheiten.

Geschichte der Kartoffelkäfer als Kampfmittel

   1824   Erstbeschreibung des Kartoffelkäfers in den USA

   1875   Wilhelm I verbietet Einfuhr von Kartoffeln und Produkten aus 

   1877   Vereinzeltes Auftreten von Kk bei Mühlheim, Torgau (1887) und später Stade (1914, 1934) 

   1902   Über einen Kk-Fund in Radegast wird der Reichskanzler informiert. Es war ein Fehlalarm 

Flugblatt der Kölner Dampf-Chkoladen-Fabrik %9derGebrüder Stollwerck 1899. Quelle: Natkundemuseum der Humboldt-Universität Berlin

 

 1914/18 Briten und Franzosen erwägen den Einsatz von Kk als Kampfmittel

    1922   Unbeherrschbares breitflächiges Auftreten des Kk bei                         Bordaux

    1936   Erste Vorkommen von Kk an der deutschen Westgrenze

                Gründung des „Kartoffelkäfer-Abwehrdienstes“

                Gründung eines internationalen Komitees zur                                     

Bekämpfung des Kk in Brüssel

    1937    Westdeutschland wird bis zur Weser befallen

    1938   Franzosen erwägen Einsatz von Kk als Kampfmittel

    1940   Gründung der Kk-Forschungsstation in Kruft

Merkblatt der Biologischen Reichsanstalt ca  1938                      Quelle: Naturkunde-Museum Berlin

Die friedliche Eroberung Deutschlands durch den Kartoffelkäfer. Nach R. Schick & M. Klinkowski: Die Kartoffel - ein Handbuch. Berlin 1961

   

     1940    Deutsche entdecken in französischem Biowaffen-Institut Pläne zum Einsatz von Kk

     1941   Führender deutscher BW-Experte Heinrich Kliewe konzipiert Einsatz von Kk als Kampfmittel

     1942   " Abwehr" erhält Berichte über angeblich bevorstehenden Angriff mit Kk.

                 Der Präsident der Biologischen Reichsanstalt erstellt Gutachten über mögliche durch

                 gegnerischen Kk-Einsatz verursachte Schäden

Gutachten des Präsidenten der Biologischen Reichsanstalt Eduard Riehm über möglich  gegnerische Einsätze von Kartoffelkäfern vom 14. Mai 1942

     1942    Nachdem er über den angeblich bevorstehenden angloamerikanischen Angriff mit Kk informiert                      wurde verbietet Hitler eigene Vorbereitungen zum Einsatz biologischer Kampfmittel. Gleichzeitig                       befiehlt er Vorbereitungen zum Schutz vor gegnerischen Angriffen mit Biowaffen.

      1943     Das B-Schutzkomitee, die "Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter" erwägt in Missachtung Hitlers                                Verbots den Einsatz von Kk gegen England und führt entsprechende Feldversuche durch.

      1945     Kurz vor Kriegsende wird die Kk-Forschungsstation wird nach Mühlhausen, Thüringen, verlegt.

                    Ganz Deutschland ist zwischen der natürlichen Kk-Invasion zum Opfer gefallen

                    In der Sowjetischen Besatzungszone wird der Kk-Abwehrdienst bereits im Mai wieder aufgebaut.        1946     Martin Schwartz, Leiter der Kk-Forschungsstation, wird "Generalbevollmächtigter für den                                   Kartoffelkäfer-Abwehrdienst in der Sowjetischen Besatzungszone"

       1950     Die DDR-Regierung beschuldigt die USA, Kk als Kampfmittel eingesetzt zu haben.                                                 Politbüromitglied Paul Merker führt den Begriff "Amikäfer" ein

       1999    Russische Offizielle behaupten immer noch, "Amikäfer" seien auch gegen Rußland eingesetzt                            worden

       2000     Die Wanderausstellung "Schwarzer Tod und Amikäfer" wird eröffnet und der Begriff "Amikäfer"                         stösst wieder auf öffentliches Interesse