Die Amikäfer
Als wir 1998 dabei waren, die Ausstellung „Die Sachsenburg und der biologische Krieg“ vorzubereiten, erinnerten sich einige ältere Mitglieder des Frankenberger Heimatvereins daran, dass vor einem knappen halben Jahrhundert behauptet worden war, Kartoffelkäfer seien als Biowaffen gegen die Deutsche Demokratische Republik eingesetzt worden. Als Schüler seien sie in die Felder geschickt worden und tatsächlich hätten sie massenhaft Kartoffelkäfer finden können.
Ich selbst erinnerte mich nur noch dunkel daran, griff aber die Anregung gern auf, dieses Thema in der Ausstellung zu be-handeln. Im Schloss war ja reichlich Platz.
Ich begann, nach passenden Exponaten Ausschau zu halten und zum Thema „Kartoffelkäfer als Kampfmittel im kalten Krieg“ vertieft zu recherchieren. Dass die Schädlinge ja tatsächlich schon seit dem Ersten Weltkrieg als mögliche Biowaffen betrachtet wurden hatte ich ja schon in meinen historischen Untersuchungen herausgefunden und beschrieben.
Titelblatt einer von der DDR-Regierung herausgegebenen Broschüre
Zusammengefasst ergab sich bei meinen neuerlichen Recherchen, dass die Behörden in der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise in der daraus hervorgegangenen DDR der Kartoffelkäfer-Abwehrdienst schon sehr schnell, im Mai 1945 reaktiviert wurde, aber unfähig war, die inzwischen ganz Mittel- und Ostdeutschland – bis in die angrenzenden Nachbarstaaten hinein – befallenden Schädlinge wirksam zu bekämpfen.
Insbesondere Schädlingsbekämpfungsmittel fehlten, ihre Produktionsstätten waren der Demontage zum Opfer gefallen.
Kartoffeln, damals für die meisten von uns das Hauptnahrungsmittel (in meiner dreiköpfigen Familie gab es zu dieser Zeit 1, in Worten eine Kartoffel zum Frühstück, roh ins kochendes Wasser gerieben, und mit Salz und Majoran als „Zudelsupp“ serviert), wurden immer knapper. Und das in Zeiten des ja nicht mehr kalten Krieges, als in Korea blutige Schlachten geschlagen wurden in deren Verlauf die USA sogar bakteriologische Waffen einsetzten (ein übrigens bis heute hartnäckig betrittener, aber m.E. immer noch nicht vollständig ausgeräumter Vorwurf).
Nach einer <karrikatur von Kukrynisky von der DDR-Regierung herausgegebenes Plakat
In dieser Situation kam einer in der Partei- und Staatsführung auf die Idee, das Leiden unter den Kartoffelkäfern den US-Imperialisten in die Schuhe zu schieben. Am 16. Juni 1950, erschien das Neue Deutschland, das Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, mit der Schlagzeile auf der Titelseite „Gemeinsame Abwehrmaßnahmen gegen Kartoffelkäfer. Außerordentliche Kommission stellt fest: USA-Flugzeuge warfen große Mengen Kartoffelkäfer ab“. Im Inneren des Blattes wurde ein „Bericht der Außerordentlichen Kommission über Kartoffelkäferabwürfe durch anglo-amerikanische Flugzeuge“ veröffentlicht. In dem heißt es unter anderem, die Früchte der Leistungen der DDR-Landwirtschaft seien „durch einen verbrecherischen Anschlag [...] der amerikanischen imperialistischen Kriegstreiber“ in Gefahr gebracht worden.
„Seit dem 22. Mai 1950 haben Flugzeuge, aus dem Westen kommend, über dem Gebiet der Republik Koloradokäfer in großen Massen abgeworfen. [...] Die ersten außergewöhnlichen Kartoffelkäferfunde wurden am 22., 23. und 24. Mai in Sachsen [...] festgestellt. Aus den Kreisen der Bevölkerung wurde [...] Mitteilung gemacht, dass in der Zeit vom 22. bis 24. Mai Flugzeuge bemerkt worden sind, die teilweise auf einer außergewöhnlichen Flugstrecke aus der amerikanischen Zone in das Gebiet der Republik einflogen“.
Und schon am nächsten Tag wurde auf Anregung durch Politbüromitglied Paul Merker im Neuen Deutschland eine amtliche Sprachregelung ausgegeben: „Viele Hände greifen zu und nehmen aktiv am Kampf gegen den Amikäfer teil, wie ihn die Bevölkerung zu nennen beginnt“.
Nebenbei bemerkt: Ich war zu jener Zeit, vor Aufnahme des Biologie-Studiums, ständiger freier Mitarbeiter der Leipziger Volkszeitung“, des SED-Bezirksorgan, und hatte jeden zweiten, dritten Tag einen Text in diesem Blatt. Nicht einen einzigen aber über die Kartoffelkäfer. An dem Tag, als im ND die Amikäfer eingeführt worden, berichtete ich über die Lehrstellenwerbung, drei Tage später über die Vorbereitung der sogenannten „Volkswahlen“.
Aber in der breiten Öffentlichkeit stieß die pfiffige Beschreibung des Käfers, der ja tatsächlich ursprünglich aus den USA stammte, und die Beschuldigung der US-Imperialisten als Verursacher der Misere auf gewisse Resonanz. Der Terrorangriff auf Dresden war noch in guter Erinnerung. Der beliebte Schriftsteller und Journalist Heinz Knobloch kolportierte die Behauptungen in einem Buch. Und Bertolt Brecht, der gerade dabei war, eine Reihe neuer Kinderlieder zu schreiben, um einen Beitrag für eine neue Kinder- und Jugendliteratur in der DDR zu leisten, erarbeitete ein Gedicht über die "Ammiflieger".
Die Ammiflieger
Schwester, so komm doch
Und laß deine Püppchen stehn!
Lauf, lauf, am Himmel
Da ist so was Schöns zu sehn.
Wolln auf dem Rücken liegen
Und sehn hoch übers Feld
Die Ammiflieger fliegen
Silbrig im Himmelszelt.
Mutter, ich bin hungrig.
Wie lang ist's zur Jause hin?
Mutter, ich weiß nicht
Warum ich so hungrig bin.
Die Ammiflieger fliegen
Silbrig im Himmelszelt:
Kartoffelkäfer liegen
In deutschem Feld.
Erster Entwurf des Gedichtes über die Amikäfer. Quelle: Bertolt-Brecht-Archiv Berlin
Auch Uwe Johnson setzte den „sechsbeinigen Botschaftern der U.S.-amerikanischen Invasion“ in seinen Jahrestagen ein Denkmal.
Dass das alles ein, wie wir heute sagen, „Fake“ war habe ich in der Sachsenburger Ausstellung belegt und 2000 in meinem Artikel „Kartoffelkäfer als dual-threat agents“ ausführlich begründet.
Die Sachsenburger Ausstellung war sowohl in der breiten Öffentlichkeit als auch in Fachkreisen auf erhebliches Interesse gestoßen.
Der Leiter des Biohistoricums Prof. Dr. Armin Geus hatte es sogar ermöglicht, dass die Ausstellung im Jahr 2000 im Biohistoricum Neuburg an der Donau präsentiert werden konnte. Dazu musste allerdings ein neuer Titel gefunden werden.
Aus mehreren Gründen bot sich an, die Neuburger Show "Schwarzer Tod und Amikäfer" zu nennen.
Die Ausstellung im Biohistoricum stieß auf breites Interesse, auch bei der Bundeswehr, beim dort stationierten Jagdgeschwader "Mölders", und auch bei der ZEIT, die am 24. Februar 2000 ausführlich darüber berichtete.
Den neuen Titel verwendeten wir dann auch für die Wanderausstellung, die entstanden war, als wir vom Stifter-Verband Mittel für die Optimierung der Sachsenburger Schau bekommen hatten.
Plakat der Neuburger Ausstellung
Die Wanderausstellung stieß in der Öffentlichkeit – von Hamburg bis nach Basel und Sonhofen - auf noch größeres Interesse, zumal ihre Präsentation meist in der lokalen Presse angekündigt und besprochen wurde. Die Amikäfer wurden immer bekannter.
Und immer mehr Journalisten und andere Autoren fingen an, über die Amikäfer zu publizieren. Inzwischen findet man im Netz jede Menge Publikationen zu diesem Thema.
Gern wurden die ursprünglich von mir erarbeiteten Erkenntnisse kolportiert, fast immer ohne Quellenangabe. Zusätzliche, eigenständig erhobene Befunde wurden nur Aausnahmsweise mitgeteilt. Zu den Ausnahmeautoren gehört Lars Gronau, der noch einmal selbst in den Archiven recherchierte. In seiner Magisterarbeit suchte er 2011 unter anderem Antwort, auf eine Frage, die ich bereits 2003 in meinem Buch Anthrax und das Versagen der Geheimdienste im diesbezüglichen Kapitel gestellt hatte: „
„Die Hintergründe der Amikäfer-Aktion sind immer noch unklar. Wo saßen die Urheber der Aktion und wer hat sie gesteuert?“
Gronau kann aber auch nur vermuten, dass der Schöpfer des Begriffs „Amikäfer“ auch als „Erfinder“ der Verschwörungstheorie anzusehen sei. Beweisen kann er es leider auch nicht.