Die Sachsenburg und der Biokrieg
Walter Schreiber hatte in seiner Aussage auf dem Nürnberger Prozess auch behauptet, in Schloss Sachsenburg bei Frankenberg sei 1943 ein deutsches Biowaffen-Institut eingerichtet worden. Dort sei es um die Entwicklung von Pesterregern als biologische Kampfmittel gegangen. Das wurde später von zahlreichen Autoren ungeprüft kolportiert, zumal über dieses Institut nichts Näheres bekannt war.
Schloss Sachsenburg liegt unweit von Frankenberg im Zschopautal und damit in dem Teil Sachsens, der zur sowjetisch besetzten Zone Deutschlands gehörte. Deshalb hatten die Ermittler der ALSOS-Mission, die angloamerikanischen Analytiker der deutschen Rüstungsaktivitäten, keinen Zugriff auf Sachsenburg betreffende Dokumente. Da Schreibers Angaben andererseits sogar Eingang in die Urteilsbegründung des Nürnberger Tribunals fanden, stand auch seine Behauptung, in der Sachsenburg habe es ein deutsches BW-Institut gegeben, jahrzehntelang unwidersprochen im Raum.
Ich konnte während meiner vom Max-Delbrück-Centrum, der Volkswagen-Stiftung und von SIPRI geförderten historischen Recherchen nachweisen, dass Schreiber auch in dieser Beziehung gelogen hatte.
Denn wieder war das Glück mir hold. Im August 1994 fand ich im damals noch in Koblenz stationierten Bundesarchiv im Bestand „Bundesgesundheitsamt“ einen Aktenordner mit der Beschriftung „Institut für Mikrobiologie“. Dieser Ordner enthielt den gesamten Schriftwechsel der Leitung eines „Instituts für Mikrobiologie der Wehrmacht Sachsenburg“ und andere, die Sachsenburger Einrichtung betreffende Dokumente. Merkwürdigerweise wurde dieser Bestand von der ALSOS-Mission übersehen. Die hatte zwar in mehr als siebzig verschiedenen deutschen Institutionen recherchiert, dieses wichtige Material aber nicht entdeckt. Es waren auch in Koblenz offenbar von keinem vor mir zur Kenntnis genommen und ausgewertet worden.
Aus diesen Dokumenten geht zweifelsfrei hervor, dass in dem alten Schloss 1943 tatsächlich ein geheimes mikrobiologisches Institut eingerichtet und dass dort mit Pesterregern gearbeitet worden war. Diese Arbeiten galten allerdings nur dem Zweck der Impfstoffherstellung und, im Gegensatz zu Schreibers Behauptungen, nicht der Vorbereitung offensiver bakteriologischer Kriegführung.
Dieser Fund veranlasste mich, ab 1998 gemeinsam mit Günter Sobotka und anderen Mitgliedern des Heimatvereins Frankenberg sowie mit Frau Dr. Susanne Hahn vom Dresdener Hygiene-Museum im – schon zu dieser Zeit ziemlich baufälligen – Schloss eine kleine Ausstellung über „Die Sachsenburg und der biologische Krieg“ einzurichten.
Mit Susanne Hahn und Günter Sobotka im Hof von Schloß Sachsenburg
Sehr hilfreich war dabei auch, dass es noch einige Zeitzeugen gab. Zwei ehemalige Mitarbeiterinnen sowie die Schwester des inzwischen verstorbenen Leiters standen zu Interviews zur Verfügung und überließen mir auch wertvolle Exponate. Sogar den ehemaligen stellvertretenden Leiter des Instituts, SS-Hauptsturmführer Dr. Helmut Bauer, konnte ich ausfindig machen.
Sogar den ehemaligen stellvertretenden Leiter des Instituts, SS-Hauptsturmführer Dr. Helmut Bauer, konnte ich ausfindig machen. Nachdem ich dem zugesichert hatte, dieses Kapitel seiner Vergangenheit zu seinen Lebzeiten nicht weiter in die Öffentlichkeit zu bringen (da ich aus den von mir ausgewerteten Unterlagen entnehmen konnte, dass er sich zumindest während seiner Sachsenburger Zeit offensichtlich keiner Verbrechen schuldig gemacht und gemeinsam mit seinem Chef sogar erfolgreich verhindert hatte, dass ein richtiger Kampfstoffexperte in das Sachsenburger Institut abkommandiert wurde) empfing mich Bauer sogar zu einem Gespräch in seinem Haus hoch über Göttingen. Er war inzwischen hoch geachteter Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und führender Experte für Multiple Sklerose.
Erst zwei Jahrzehnte später erlangte auch die Göttinger Universitätsleitung „neue Erkenntnisse zur NS-Vergangenheit Bauers“ und distanzierte sich von ihrem, bereits 2008 verstorbenen, ehemaligen Mitarbeiter.
In der schließlich fünf Räume umfassenden Ausstellung zeigten wir nicht nur Materialien, die das Sachsenburger Institut selbst betrafen – angereichert mit Exponaten, die unser Institut, das Robert Koch-Institut, das Deutsche Hygiene-Museum sowie das Militärhistorische Museum zur Verfügung gestellt hatten –, sondern auch andere Materialien zur Geschichte der biologischen Kriegführung.
So war ein Raum ganz den „Amikäfern“, den in den frühen Jahren der DDR massenhaft aufgetretenen Kartoffelkäfern, gewidmet. Die sollen angeblich von den US-Imperialisten verbreitet worden sein – auch den Spuren dieser Ente bin ich jahrelang ganz erfolgreich nachgegangen.
Die Ausstellung stieß sowohl in der breiten Öffentlichkeit als auch in Fachkreisen auf erhebliches Interesse. Der Leiter des Biohistoricums, eines Museums zur Geschichte der Biowissenschaften in Neuburg an der Donau, Prof. Dr. Armin Geus ermöglichte es sogar, dass die Ausstellung im Jahr 2000 im Biohistoricum präsentiert werden konnte.
Die Gestaltung der Ausstellung „Die Sachsenburg und der biologische Krieg“ war aber völlig unprofessionell erfolgt – zumal ich als ausgesprochener Museumsmuffel ohnehin über keinerlei einschlägige Erfahrungen verfügte. Wir hatten zwar einige aufregende, weithin unbekannte Dokumente zu präsentieren, aber das erfolgte so, wie einst mein Deutschlehrer einen meiner Schulaufsätze bewertete: „Kluge Gedanken in ungepflegter Form“. Ganz abgesehen davon standen uns kaum Finanzmittel zur Verfügung, Gestaltung einer Ausstellung war in meinen Verträgen mit der Volkswagen-Stiftung und dem MDC nicht vorgesehen.
n der Zwischenzeit, 1999, hatten die deutschen Wissenschaftsverbände mit Unterstützung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung die Initiative „Wissenschaft im Dialog“ ins Leben gerufen.
Wirtschaft & Wissenschaft spezial, September 2001
In diesem Rahmen rief der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft im Mai 1999 unter dem Titel PUSH – Dialog Wissenschaft und Gesellschaft („PUSH“ als Akronym für „Public Understanding of the Sciences and Humanities“) einen Wettbewerb ins Leben, dotiert mit 500.000 DM.
Sofort nachdem die Ausschreibung bekannt gegeben worden war, bewarb ich mich mit einem Konzept zur Optimierung der Ausstellung um Fördermittel. 215 Anträge gingen bei der Jury ein, 22 davon wurden in die Förderung genommen. Drei Projekte erhielten jeweils den größten Brocken der bereitgestellten Mittel, nämlich 40.000 Mark, eines davon war das von mir eingereichte. „Interdisziplinäre Projekte habe man vermisst“, so der Stifterverband in einer Pressemitteilung. „Das einzige grenzüberschreitende Projekt (‚Die Sachsenburg und der biologische Krieg‘) habe die Jury ‚mit umso größerer Begeisterung‘ ausgewählt“. 40.000 Mark also, fabelhaft.
Das Max-Delbrück-Centrum steuerte etwa den gleichen Betrag bei. Im Folgejahr reichte der Stifterverband auf meinen Antrag hin weitere 5000 Mark nach. Dadurch war es uns möglich, die Ausstellung in Sachsenburg beträchtlich zu erweitern und vor allem zu optimieren.
Gleichzeitig konnten wir darauf aufbauend zusätzlich unter dem Titel „Schwarzer Tod und Amikäfer“ eine entsprechende, aus 30 Schautafeln bestehende, Wanderausstellung entwickeln. Als Anfang der 2000er die von uns genutzten Räume in Schloß Sachsenburg wegen des weiter fortschrittenen Verfalls baupolizeilich geschlossen werden mussten, konnte wenigstens die Wanderausstellung im Dachgeschoß präsentiert werden.
Gleichzeitig konnten wir darauf aufbauend zusätzlich unter dem Titel „Schwarzer Tod und Amikäfer“ eine entsprechende, aus 30 Schautafeln bestehende, Wanderausstellung entwickeln. Als Anfang der 2000er die von uns genutzten Räume in Schloß Sachsenburg wegen des weiter fortgeschrittenen Verfalls baupolizeilich geschlossen werden mussten, konnte wenigstens die Wanderausstellung im Dachgeschoß präsentiert werden.